Jurierung und Einführung »Kunst in der Region 18«

Gemeinschaftsausstellung zur aktuellen Kunst im Kreis Steinfurt

Im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst wird Samstag, den 13.10.18 um 17.00 Uhr die Ausstellung »Kunst in der Region« mit einer Einführung von Katharina D. Martin eröffnet. Mit der jährlichen Ausstellung »Kunst in der Region« präsentiert der Kreis Steinfurt seit 1990 einen Einblick in das aktuelle Kunstschaffen in der Region.  Jeweils zum Sommer gibt es einen Bewerbungsaufruf für Künstlerinnen und Künstler aus dem Münsterland, dem Gebiet der EUREGIO mit den angrenzenden Niederlanden und dem Osnabrücker Land.

Die diesjährige Fachjury bestehend aus Katharina D. Martin (Kunstakademie Enschede, ArtEZ/AKI), Dr. Corinna Otto (Kunstmuseum Draifessen Collection, Mettingen) und Dr. Uwe Schramm (Kunsthaus Essen) wählten anhand von Originalwerken die ausgestellten Arbeiten aus. Ziel der Ausstellung ist es, die facettenreichen Aussagen der bildenden Kunst zu zeigen und zu einem spannenden Dialog zwischen Künstlerinnen, Künstlern und Besuchern einzuladen.

 Hier die Teilnehmer*innen für Kunst in der Region 2018:

Salomé Berger, Münster | Cornelia Borck, Osnabrück | Eva Dankenbring, Osnabrück | Frederike de Graft, Münster | Verena Gründel, Münster | Claudia Ebbing, Velen | Ben Gowertt, Münster | Kerstin Hehmann, Osnabrück | Sybille Hermanns, Osnabrück | Kathrin Heyer, Beckum | Mirian Jacobs, Borne/NL | Birgit Kippelt, Ochtrup | Joschua Knüppe, Ibbenbüren | Jörg Kratz, Münster | Valentino Magnolo, Bad Iburg | Eva Meijer, Enschede/NL | Lothar Nordmann, Bissendorf | Moritz Riesenbeck, Münster | Johannes Strauß, Selm | Marion Tischler, Osnabrück | Yoana Tuzharova, Köln/Münster | Hinrich van Hülsen, Osnabrück | Christine Wamhof, Osnabrück | Manfred Wintermann, Lingen | Alexander Wierer, Münster | Regine Wolff, Lotte

https://www.da-kunsthaus.de/programm/kunst-in-der-region/

Einführungsworte von Katharina D. Martin

Zur ästhetischen Gestalt der Region

Liebe Besucherinnen und Besucher,

Zwar liegt mein Hauptwohnsitz mittlerweile nicht mehr im engen Umkreis, doch fühle ich mich dieser Region heimatlich verbunden. Auch bin ich beeindruckt von dem besonderen Engagement, mit dem man sich hier im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst für Kunst im ländlichen Raum einsetzt. Die große Resonanz der partizipatorischen Projekte bezeugt wie lebendig dieser Ort ist. Darum war es mir eine große Freude beim Auswahlverfahren für Kunst in der Region mitzuwirken. Bevor ich nun näheres zum Auswahlverfahren und der Ausstellung sage, möchte ich mich bei Gerd Andersen für die Einladung, und bei Anke Grothaus für die ausgezeichnete Organisation und gute Kommunikation bedanken.

Leider muss ich an dieser Stelle auch eine traurige Mitteilung machen. Der Künstler Johannes Strauß, dessen fotografisches Werk für diese Ausstellung ausgewählt wurde, ist am 27.09. nach langer Krebserkrankung verstorben. Ich möchte an dieser Stelle den Angehörigen und Freunden von Johannes Strauß mein Mitgefühl ausdrücken. Es ist gut, dass diese Ausstellung nicht nur ein vergängliches Abbild gegenwärtiger Kunst ist, sondern auch als Archiv funktioniert, indem die Ausstellungskataloge die Teilnahme der Künstler*innen sowie deren Arbeiten dokumentiert.

Die Juryarbeit für Kunst in der Region war eine äußerst positive Erfahrung. Dies verdankt sich nicht nur der Routine der Verantwortlichen hier im Hause, sondern auch der Kompetenz meiner Kolleg*innen Corinna Ott und Uwe Schramm. Den Meinungsaustausch über die Arbeiten empfand ich als äußerst anregend. Erfreulich war auch, dass es einen guten Konsens bei den Entscheidungen gab. Zum Prozess der Auswahl lässt sich folgendes sagen: Neben gelungener Ausführung und starkem ästhetischem Ausdruck spielten weitere Kriterien eine Rolle. Verweist das Werk beispielsweise auf eine künstlerische Position die Aufmerksamkeit verdient? Oder überzeugt die Arbeit aufgrund von Originalität und Mehrdeutigkeit?

Sie sehen, innerhalb des künstlerischen Schaffens findet sich Qualität in unterschiedlichster Ausdrucksform. Für uns als Jury galt es diese Qualitätsmerkmale herauszulesen und die Arbeiten in ihrer ästhetischen bzw. konzeptuellen Tiefe zu erfassen. Gemeinsames Ziel war es, die heterogene Mischung von Beiträgen in eine positive Korrespondenz zu bringen. Denn künstlerische Stärke kann durch eine vorteilhafte Beziehung zu anderen Arbeiten noch gesteigert werden. Die Räumlichkeiten des Klosters sind dabei einerseits eine Herausforderung, bieten andererseits aber die Gelegenheit Arbeiten nicht diskret zu präsentieren, sondern architektonisch einzubetten. Als Jury äußerten wir somit auch Ideen betreffend die Hängung der Arbeiten. Allerdings, und das können Sie sich sicher vorstellen, sind die Mitarbeiter des Hauses weit vertrauter mit den Ausstellungsmöglichkeiten. Das Lob für die schlussendliche Realisierung gebührt somit auch dem Team des Kunsthauses.

Um sie bzw. uns nun auf diese Ausstellung einzustimmen möchte ich gerne auf den Begriff der Gestalt eingehen. Der Ausdruck „das Ganze nimmt langsam Gestalt an“ ist uns allen geläufig. Aber was ist damit gemeint? Es bedeutet, dass aus dem Ganzen, also der Menge aller Möglichkeiten, nach und nach etwas erkennbar wird. Eine schemenhafte Form festigt sich und hebt sich, in seiner Einzigartigkeit, vom Hintergrund ab.

Der Künstler zeigt sich innerhalb dieses Schaffensprozesses als Dirigent, Komponist oder Experimentator. Er übt sich darin die Balance zwischen Gestalt und dessen Grenze schimmern zu lassen. Der Künstler befragt sich immer selbst: Wann ist die Komposition harmonisch? Welches Format bietet die perfekte Fläche für die Bildgestaltung? Es ist in der Tat eine eigene Profession die Grenzen der bildnerischen Möglichkeiten auszuloten. Denn etwas auszudrücken bedeutet auch immer etwas anderes zurückzuweisen. Mit anderen Worten: Eine abstrakte Lichtskulptur besitzt starke physische Wirkung erlaubt allerdings weniger erzählerische Möglichkeiten als die Zeichnungen imaginärer Figuren.

In den künstlerischen Arbeiten lässt sich immer der Streit um die beste Anordnung zweier widerstrebender Pole erkennen. Jede der Arbeiten, die sie hier sehen besitz einen ästhetischen Ausdruck. Das ist der Affekt des Mediums, die Farbe, die Größe, oder das Licht selbst. Es sind die physischen Eigenschaften, die auf den Körper und die Intuition des Betrachters wirken. Zusätzlich finden sich intellektuelle Verbindungen, symbolische Bedeutung oder konkrete Anspielungen. Bei einer gelungenen Arbeit ist die Komposition zwischen Bedeutung und Wirkung harmonisch und oszilliert zwischen Offen- und Geschlossenheit. Als Betrachter werden wir angeregt aber nicht bezwungen. Gute Kunst ist nie eindeutig, sie ist immer auch fragwürdig. In der richtigen Mischung liegt ihre Qualität.

Aber nicht nur die einzelnen Werke, sondern die Ausstellung als Ganzes ist diesem Sinne zu begreifen. Sie ist die ästhetische Gestalt dieser Region. Sie ist eine Komposition lauter und leiser Töne, die miteinander klingen. Kunst in der Region ermöglicht jedes Jahr eine neue Komposition, indem es eine regionale Grenze setzt. Erst die formale Begrenzung des Regionalen gestattet die große innere Offenheit, die sich in dieser Ausstellungsreihe zeigt.

Lassen sie mich zum Schluss noch kurz etwas sagen, dass mir persönlich am Herzen liegt. Grundsätzlich ist uns der Prozess des Gestaltens immer gewahr: eine Feier, die wir organisieren, ein Pullover, den wir stricken, einen Lebensplan, den wir entwickeln. Wir alle sind auf die eine oder andere Weise gestalterisch tätig. Ich möchte an Joseph Beuys und seinen Ausspruch Jeder ist ein Künstler erinnern. Wir alle beeinflussen Aspekte unseres Lebens und wir alle gestalten unser Miteinander. Gerade jetzt, in Zeiten der politischen Verunsicherung, sollten wir uns nicht scheuen die Gabe zur sozialen Gestaltung zu nutzen. Diese Ausstellung in all ihren Facetten ist eine solche affirmative Geste; und ihre Anwesenheit heute bezeugt das Interesse an einer Gesellschaft in der Kunst und Kultur eine konstruktive Rolle spielt. Sie lassen sich auf sinnliche und intellektuelle Anregungen ein und beleben somit eine Auseinandersetzung. In diesem Sinne sind auch sie Mitwirkende bei der kulturellen und sozialen Gestaltung dieser Region. Dafür möchte ich mich bedanken.

Dies gesagt, bleibt mit nur noch, sie herzlich willkommen zu heißen zu Kunst in der Region 2018 und ihnen eine wunderbar anregende Eröffnung zu wünschen.